[Unterrichtsmaterial Wirtschaft]

Unterrichtsentwurf
von Thomas Lingens

Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandsmaß -
Kritik in qualitativer Hinsicht

Sachanalyse
Das Bruttoinlandsprodukt (im folgenden kurz: BIP) gilt als Maßstab für die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft eines Landes und davon abgeleitet, auch für den Wohlstand, der in dem Land lebenden Einwohner.
Das BIP hat das Bruttosozialprodukt (im folgenden kurz: BSP) im Herbst 1992 als offizieller Maßstab für die Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft abgelöst.

Im Unterschied zum BSP vermittelt das BIP einen Eindruck von der Leistungskraft der Unternehmen im Inland - unabhängig davon, ob die Erwerbstätigen oder Kapitaleigner ihren ständigen Wohnsitz in diesem Gebiet haben (Inlandsprodukt = Produktion und Einkommen im Inland). Dagegen ist das BSP eine Ausgangsgröße für das Einkommen der Inländer - unabhängig davon, an welchem Ort (In- oder Ausland) sie ihre Leistung erbracht haben (SozialProdukt = Produktion und Einkommen der Inländer).

Wenn man nun in diesem Zusammenhang von "Wirtschaftswachstum" oder kurz von "Wachstum" spricht, ist im Allgemeinen die Zunahme des BIP gemeint, worin dann zugleich ein Anstieg des Wohlstandes oder der Lebensqualität gesehen wird, so dass sich folgende Argumentationskette ergibt:

Bruttoinlandsprodukt ­ Þ Leistungsfähigkeit der Wirtschaft ­ Þ Wohlstand ­ Þ Lebensqualität ­ .

Diese Argumentationskette ist allerdings problematisch und umstritten. So wies bereits in den 70er Jahren u.a. Erhard Eppler auf Unzulänglichkeiten des BSP als Wachstumsindikator hin. Er stellte ihm den Begriff "Lebensqualität" entgegen, da Fragen, die vor allem Umweltgesichtspunkte einschlossen, eine besondere Bedeutung erfahren hatten. Kriterium der Wirtschaftspolitik könne, so Eppler, nicht die Quantität des Wachstums, sondern müsse die Qualität des Wachstums sein, dessen Durchsetzung politische Steuerung erfordere. Ausgangspunkt dieser wirtschaftspolitischen und ökologischen Kontroverse waren insbesondere Veröffentlichungen des Club of Rome über die "Grenzen des Wachstums".

Folgen wir dieser Diskussion, dann ergeben sich bei genauerer Betrachtung des BIP zwei Fragestellungen:

  1. Erfasst das BIP wirklich sämtliche Leistungen, die zum Wohlstand eines Volkes beitragen?
  2. Ist das BIP überhaupt als Wohlstandsmaßstab geeignet?

Die erste Frage bezieht sich auf quantitative Kritik, bei der vor allem angeführt wird, dass im BIP Vorgänge nicht erfasst werden, die sowohl für den Wohlstand als auch für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft wichtig sind. Beispiele für derartige Vorgänge sind:

  • nichtbezahlte Arbeitsleistungen in privaten Haushalten wie Kochen, Putzen und Kindererziehung sowie
  • Aktivitäten der Schattenwirtschaft wie legale Nachbarschaftshilfe und illegale Schwarzarbeit.

Während die quantitative Kritik lediglich die Größenordnung des BIP in Frage stellt, hält die qualitative Kritik (siehe zweite Frage) das BIP als Wohlstandsmaßstab für eine Volkswirtschaft grundsätzlich für bedenklich, weil beispielsweise

  • einige gesamtwirtschaftliche Wertverluste nicht als Minderung des Lebensstandards abgezogen werden, wie Luft- und Wasserverschmutzung , Bodenerosion, Waldschäden oder langfristige Klimaverschlechterungen und
  • die Beseitigung dieser Schäden positiv in das BIP eingehen, obwohl sie lediglich versuchen, einen ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Für den Bereich Umwelt seien hier exemplarisch die Kosten für die künstliche Zufuhr von Sauerstoff in Seen genannt. Derartige Kosten werden als defensive bzw. kompensatorische Kosten bezeichnet.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das BIP kein universaler Wohlstandsindikator ist. Denn eine Erhöhung des BIP bedeutet nicht gleichzeitig auch eine Verbesserung des Wohlstandes der Bevölkerung. Dennoch kann jede Kritik, so Frank, "nur bescheiden sein, denn die statistische Größe wird weltweit benutzt, und nirgends wurde bisher ein besseres Messinstrument für gesamtwirtschaftliche Leistungen gefunden."

Angesichts der mangelhaften Aussagekraft des BIP als Wohlstandsmaßstab werden seit einiger Zeit alternative Entwürfe diskutiert, neue Wege der Wohlstandsmessung einzuschlagen. Diese stellen z.B. die Umweltproblematik in den Mittelpunkt.
So hat Ende der 80er Jahre das Statistische Bundesamt begonnen, ein Ökosozialprodukt zu ermitteln. Mit Hilfe des Ökosozialprodukts soll ein Rechenwerk geschaffen werden, das den quantitativen Zustand und die qualitative Entwicklung der Umwelt erfasst. Darin soll u.a. zusammengestellt werden, wer wie viel Schadstoffe an Luft, Wasser und Boden abgibt oder wie viele Ressourcen verbraucht werden.

Dieser Ansatz liefert ein sehr differenziertes Bild vom Zustand der Umwelt, aber darin liegt auch die Problematik dieses Ansatzes. Denn viele Schadenskosten sind nur schwer quantifizierbar, viele sind nur qualitativ begreifbar:

  • Wie hoch ist beispielsweise der Wertverlust durch das Aussterben einer Tierart?
  • Welche Kosten verursacht Lärm?
  • Wie will man die Zerstörung der Ozon-Schicht der Erde bewerten?
  • Was kostet die Verklappung von giftigen und radioaktiven Stoffen in den Meeren?

Die Statistiker haben es bis heute nicht geschafft, die Umweltbilanz in einer einzigen Zahl auszudrücken. Die Messbarkeit bleibt daher erst einmal dem BIP vorbehalten, das die wirtschaftliche Leistung festhält. Dennoch werden Ansätze zur Entwicklung eines Ökosozialprodukts weiterverfolgt.
So schlägt z.B. der Berliner Umweltwissenschaftler Christian Leipert für eine Folgekostenuntersuchung fünf Kategorien vor, um möglichst alle Auswirkungen der Umweltverschmutzung zu erfassen. Der Umfang der Umweltverschmutzung soll dann in Geldeinheiten bewertet werden:

  1. Kompensatorische Kosten (z.B. Reparatur von Gebäude- und Materialschäden, die durch Luftverschmutzung verursacht sind)
  2. Produktions- und Einkommensverluste (z.B. Ertragsverluste in der Forst- und Landwirtschaft sowie Einkommenseinbußen im Fremdenverkehrsgewerbe - Stichwort: Waldsterben)
  3. Vermögensverluste (etwa hinsichtlich der immissionsbedingten Schädigung des Wald- und Gebäudevermögens)
  4. Naturverluste (z.B. durch Artensterben)
  5. Wohlfahrtsverluste (Stichwort: Erholungswert)

Methodisch gesehen bringt aber auch dieser Ansatz eine Fülle von Problemen, denn auch hier ist man auf grobe Schätzungen angewiesen, die in unterschiedlichen Schadensberechnungen ihren Ausdruck finden.

Dennoch macht die Ermittlung eines Ökosozialprodukts meines Erachtens weiterhin Sinn. Denn Ziel muss es nach Leipert sein, die Nachteile des nachträglichen "Reparierens der Umwelt" aufzuzeigen, umso den Weg für eine präventive Umweltschutzpolitik freizumachen. Denn die bedeutsame Frage, ob quantitatives Wirtschaftswachstum wirklich qualitative Fortschritte für Mensch und Natur bringt, sollte nicht vertagt werden.

 

Begründete Stoffauswahl
Die Thematik der Umweltverschmutzung hat in der öffentlichen Diskussion einen hohen Stellenwert. Bei den Schülern berührt sie vor allem die emotionale Seite und bietet demzufolge besonders die Möglichkeit, deren Interessen an einer gesunden Umwelt mit der Vermittlung der Grenzen der Aussagefähigkeit des BIP zu verbinden. Durch diese, für die Schüler subjektive, Bedeutsamkeit ist das Thema sehr gut geeignet in die Kritik am BIP einzuführen und gleichzeitig das Umweltbewusstsein der Schüler aus volkswirtschaftlicher Sicht zu vertiefen.

Es ist in dieser Stunde geplant, zunächst in die qualitative Kritik des BIP am Beispiel der Umweltverschmutzung einzuführen. Dabei wird nicht ausführlich auf die vorhandenen Konzepte alternativer Wohlstandskennziffern eingegangen, sondern das Problem der Erfassung und Bewertung von Umweltschäden wird in den Mittelpunkt der Stunde gestellt, indem die fünf Folgekostenkategorien von Leipert erarbeitet werden. Auf das Konzept der umweltökonomischen Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes wird nicht näher eingegangen, da es im Rahmen des Kurssystems im Zusammenhang mit öffentlichem Berichtwesen an anderer Stelle aufgegriffen wird und zudem hier zu komplex ist. Weiterhin wird es aus Zeitgründen während dieser Unterrichtsstunde nicht möglich sein, die Umweltverschmutzung und ihre Wirkungen detailliert zu untersuchen.

 

Zielentscheidungen (Unterrichtsziele)

Groblernziel: 
Nach der Unterrichtsstunde können die Schüler begründen, dass das BIP kein umfassender Indikator für Wohlstand ist.

Fachziele
Die Schüler können nach der Unterrichtsstunde:

  • darlegen, dass die Auswirkungen der Umweltverschmutzung nicht im BIP erfasst werden. (LZ 1)
  • erklären, dass aufgrund der Umweltschutzaktivitäten das BIP wächst. (LZ 2)
  • folgern, dass eine Erhöhung des BIP nicht automatisch eine Verbesserung des Wohlstandes der Bevölkerung bedeuten muss. (LZ 3)
  • anhand von Beispielen wiedergeben, dass kompensatorische Kosten Aufwendungen für Leistungen sind, die lediglich den ursprünglichen Zustand der Umwelt (so weit wie möglich) wiederherstellen. (LZ 4)
  • Beispiele für Folgekosten nennen, die neben den kompensatorischen Kosten durch Umweltschäden entstehen. (LZ 5)
  • darstellen, dass die kompensatorischen Kosten und Folgekosten für die Ermittlung eines Ökosozialprodukts vom BIP abgezogen werden müssen. (LZ 6)
  • darlegen, dass Umweltschäden zur Ermittlung eines Ökosozialprodukts nur schwer quantifizierbar sind. (LZ 7)

Instrumentelle Ziele
 
Die Schüler sollen:
Kritikfähigkeit im Umgang mit wirtschaftspolitischen Aussagen entwickeln. (A)
die Relativität von statistischen Aussagen erkennen. (B)

Methodische Entscheidungen
Übersicht zur Verlaufsplanung
Phase
Zeit
Inhalt
Geplanter Unterrichtsverlauf
Lernziele

Medien

Lehrform

Sozialform

I
25 min
Einführung und Entwicklung der Problemstellung "Kann das BIP als Indikator für den Wohlstand einer Volkswirtschaft dienen?" 1 – 4

A, B

Miniland-
Collage

Tafelbild

fragend-entwickelnd
am Modell entwickelnd

LSG

(induktiv)

Frontal-
unterricht
II
18 min
Überlegungen zu einem ÖkoSozialprodukt: Wie können Auswirkungen der wirtschaftlichen Tätigkeit auf die Umwelt statistisch erfasst werden? 5 - 7

A, B

Tafelbild fragend-entwickelnd

(induktiv)

Frontal-
unterricht
III
2 min
Ausgabe der Hausarbeit: "Die heimlichen Kosten des Fortschritts" (Zeitungsartikel der Frankfurter Rundschau vom 9.11.1993 – verändert und ergänzt). Hausaufgaben der Schüler/innen:

Ronny Höpfner
Anne Schäfer
Björn Spiegel
Maria Welle
Jessica Huster

Methodischer Gang

    Phase 1
    Im Mittelpunkt der Unterrichtsstunde steht die Fragestellung "Wie aussagefähig ist das BIP als Indikator für den Wohlstand der Bewohner eines Landes?" Anhand des Modells "Miniland" Führe ich die Schüler in die Problemstellung ein. Miniland ist ihnen bereits als Beispiel für eine Volkswirtschaft aus früheren Aufgabenstellungen bekannt. Hierzu verwende ich eine vorbereitete Collage, auf der zunächst Miniland als Agrarland mit Fluss, Wiesen und Bäumen aufgemalt ist. Ausgangspunkt der Erläuterungen ist die Aussage, dass alle wirtschaftlichen Leistungen Minilands in ein BIP einfließen.

    Die Naturlandschaft wird nun durch Industrialisierung ergänzt. Hierbei wird herausgearbeitet, welche Auswirkungen der industrielle Fortschritt auf das BIP und die Lebensqualität der Einwohner Minilands hat. Dabei steigt das BIP in Korrelation mit der Lebensqualität an.

    In dem Moment, indem die negativen Auswirkungen der Umweltverschmutzung, z.B. der Industrieabgase starke Wirkungen zeigen, sinkt die Lebensqualität der Einwohner und das BIP stagniert. Das Ergebnis wird ebenso wie die nun folgenden Ergebnisse dieser Phase an der Tafel festgehalten.

    Jetzt werden umweltverbessernde Maßnahmen, wie beispielsweise Rauchgasentschwefelungs- oder Kläranlagen, eingeführt, deren Kosten das BIP steigen lassen, während die Lebensqualität stagniert. Durch diese Maßnahmen wird der ursprüngliche Zustand der Umwelt Minilands (so weit wie möglich) wiederhergestellt. In diesem Zusammenhang wird der Begriff der kompensatorischen Kosten eingeführt.

    Am Beispiel des Modells "Miniland" wird so das BIP als Wohlstandsindikator in Frage gestellt. Alternativ hätte ich das Modell Miniland beispielsweise auch anhand einer Computersimulation entwickeln können. Hierzu fehlt jedoch einerseits die technische Ausstattung im Klassenraum, andererseits halte ich die Collage für stärker sinnlich erfahrbar und damit noch einprägsamer. Nachteil der Collage ist jedoch die fehlende schriftliche Dokumentation. Diese möchte ich dadurch ausgleichen, dass die Collage über mehrere Wochen im Klassenraum verbleibt.

    Phase 2
    Zu Beginn dieser Phase stelle ich noch einmal die Ausgangsfrage (s.o.).
    Im ersten Schritt diskutiere ich mit den Schülern, ob es neben den kompensatorischen Kosten noch weitere, durch Umweltverschmutzung verursachte Kosten gibt (Stichwort: Folgekosten). Diese werden systematisch mit den Schülern an der Tafel entwickelt und erläutert. Dies geschieht in Anlehnung an die Ausführungen Leiperts (siehe Sachanalyse). Abschließend sollen insbesondere die Schwierigkeiten bei der Ermittlung und Bewertung der Schadenskosten problematisiert werden.

    Phase 3
    Die Schüler erhalten ein Informationsblatt (AB 1), indem die Essentials des Unterrichtsprojekts "Miniland" in objektivierter Form zusammengefasst sind. Dazu erhalten sie die Aufgabe (AB 2), auf dem Hintergrund des im Unterricht entwickelten Modells und des Informationsblattes einen Zeitungsartikel über die Auswirkungen der Umweltverschmutzung in Miniland auf das BIP und die Lebensqualität der Bevölkerung zu schreiben. Mit Hilfe der Hausarbeit werde ich die nächste Unterrichtsstunde einführen. Gleichzeitig werde ich hierdurch in die Lage versetzt, mir ein Bild über das Verständnis der Lehrprobenstunde zu machen. Des Weiteren soll dann auch die quantitative Kritik des BIP am Beispiel der Nichtberücksichtigung der im Haushalt erbrachten Leistungen behandelt werden. In diesem Zusammenhang werden dann auch Berechnungen eingeübt.

    Zur Vorgehensweise im Unterricht
    Die von mir geplante Unterrichtsstunde erfordert in der vorliegenden Form eine interessierte und engagierte Beteiligung der Schüler am Unterrichtsgeschehen. Ansonsten läuft sie Gefahr zu viele Vortragselemente zu enthalten. Aufgrund der bisherigen regen Mitarbeit der Klasse setze ich jedoch eine hohe Diskussionsbereitschaft voraus und habe mich daher für diese relativ offene, nicht zu sehr strukturierte Vorgehensweise entschieden.
    Die Komplexität des Themas fordert dennoch einen hohen Lehreranteil am Unterrichtsgeschehen. Dieser Umstand wird jedoch durch das lebensnahe Modell des visualisierten "Miniland", dass die Schüler zu aktiver Mitarbeit einlädt, relativiert.

Grundlagen der Unterrichtsvorbereitung
Albers, H.-J.:
Volkswirtschaftslehre, 2. Auflage, Haan-Gruiten 1997.
Altmann, J.: Wirtschaftspolitik, 6. Auflage 1995, UTB 1317.
Fischer, A.: Das Bruttosozialprodukt (Manuskript), o.J.
Frank, W.: Volkswirtschaft - Lehre und Wirklichkeit, 63. Auflage, Darmstadt 1995.
Hardes/Krol: Volkswirtschaftslehre - problemorientiert, 19., Auflage, Tübingen 1995.
Hartmann G.: Volkswirtschaftliches Denken, 2. Auflage, Rinteln 1997.
Leipert, C. Die volkswirtschaftlichen Kosten der Umweltbelastung. In: Aus Politik und Zeitgeschehen, Beilage zu "Das Parlament" 10/91 vom 01.03.1991.
Wilke, F.: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, Köln 1998.

Diverse Zeitungsartikel (siehe Arbeitsblatt).

Gabler Wirtschafts-Lexikon, Ausgabe 1993 (auf CD-ROM)

Unterlagen von Lutz Heiligenstadt vom OSZ Handel I, Berlin (1979 – 1995).

Unterrichtsentwürfe zur Kritik am BSP beziehungsweise BIP von Lutz Heiligenstadt 1979 und Andreas Grunert, Berlin 1995.