|
[Unterrichtsmaterial Wirtschaft] Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandsmaß - Sachanalyse Das BIP hat das Bruttosozialprodukt (im folgenden kurz: BSP) im Herbst 1992 als offizieller Maßstab für die Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft abgelöst. Im Unterschied zum BSP vermittelt das BIP einen Eindruck von der Leistungskraft der Unternehmen im Inland - unabhängig davon, ob die Erwerbstätigen oder Kapitaleigner ihren ständigen Wohnsitz in diesem Gebiet haben (Inlandsprodukt = Produktion und Einkommen im Inland). Dagegen ist das BSP eine Ausgangsgröße für das Einkommen der Inländer - unabhängig davon, an welchem Ort (In- oder Ausland) sie ihre Leistung erbracht haben (SozialProdukt = Produktion und Einkommen der Inländer). Wenn man nun in diesem Zusammenhang von "Wirtschaftswachstum" oder kurz von "Wachstum" spricht, ist im Allgemeinen die Zunahme des BIP gemeint, worin dann zugleich ein Anstieg des Wohlstandes oder der Lebensqualität gesehen wird, so dass sich folgende Argumentationskette ergibt: Bruttoinlandsprodukt Þ Leistungsfähigkeit der Wirtschaft Þ Wohlstand Þ Lebensqualität .Diese Argumentationskette ist allerdings problematisch und umstritten. So wies bereits in den 70er Jahren u.a. Erhard Eppler auf Unzulänglichkeiten des BSP als Wachstumsindikator hin. Er stellte ihm den Begriff "Lebensqualität" entgegen, da Fragen, die vor allem Umweltgesichtspunkte einschlossen, eine besondere Bedeutung erfahren hatten. Kriterium der Wirtschaftspolitik könne, so Eppler, nicht die Quantität des Wachstums, sondern müsse die Qualität des Wachstums sein, dessen Durchsetzung politische Steuerung erfordere. Ausgangspunkt dieser wirtschaftspolitischen und ökologischen Kontroverse waren insbesondere Veröffentlichungen des Club of Rome über die "Grenzen des Wachstums". Folgen wir dieser Diskussion, dann ergeben sich bei genauerer Betrachtung des BIP zwei Fragestellungen:
Die erste Frage bezieht sich auf quantitative Kritik, bei der vor allem angeführt wird, dass im BIP Vorgänge nicht erfasst werden, die sowohl für den Wohlstand als auch für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft wichtig sind. Beispiele für derartige Vorgänge sind:
Während die quantitative Kritik lediglich die Größenordnung des BIP in Frage stellt, hält die qualitative Kritik (siehe zweite Frage) das BIP als Wohlstandsmaßstab für eine Volkswirtschaft grundsätzlich für bedenklich, weil beispielsweise
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das BIP kein universaler Wohlstandsindikator ist. Denn eine Erhöhung des BIP bedeutet nicht gleichzeitig auch eine Verbesserung des Wohlstandes der Bevölkerung. Dennoch kann jede Kritik, so Frank, "nur bescheiden sein, denn die statistische Größe wird weltweit benutzt, und nirgends wurde bisher ein besseres Messinstrument für gesamtwirtschaftliche Leistungen gefunden." Angesichts der mangelhaften Aussagekraft des BIP als
Wohlstandsmaßstab werden seit einiger Zeit alternative Entwürfe
diskutiert, neue Wege der Wohlstandsmessung einzuschlagen. Diese stellen
z.B. die Umweltproblematik in den Mittelpunkt. Dieser Ansatz liefert ein sehr differenziertes Bild vom Zustand der Umwelt, aber darin liegt auch die Problematik dieses Ansatzes. Denn viele Schadenskosten sind nur schwer quantifizierbar, viele sind nur qualitativ begreifbar:
Die Statistiker haben es bis heute nicht geschafft, die Umweltbilanz
in einer einzigen Zahl auszudrücken. Die Messbarkeit bleibt daher erst
einmal dem BIP vorbehalten, das die wirtschaftliche Leistung festhält.
Dennoch werden Ansätze zur Entwicklung eines Ökosozialprodukts
weiterverfolgt.
Methodisch gesehen bringt aber auch dieser Ansatz eine Fülle von Problemen, denn auch hier ist man auf grobe Schätzungen angewiesen, die in unterschiedlichen Schadensberechnungen ihren Ausdruck finden. Dennoch macht die Ermittlung eines Ökosozialprodukts meines Erachtens weiterhin Sinn. Denn Ziel muss es nach Leipert sein, die Nachteile des nachträglichen "Reparierens der Umwelt" aufzuzeigen, umso den Weg für eine präventive Umweltschutzpolitik freizumachen. Denn die bedeutsame Frage, ob quantitatives Wirtschaftswachstum wirklich qualitative Fortschritte für Mensch und Natur bringt, sollte nicht vertagt werden.
Begründete Stoffauswahl Es ist in dieser Stunde geplant, zunächst in die qualitative Kritik des BIP am Beispiel der Umweltverschmutzung einzuführen. Dabei wird nicht ausführlich auf die vorhandenen Konzepte alternativer Wohlstandskennziffern eingegangen, sondern das Problem der Erfassung und Bewertung von Umweltschäden wird in den Mittelpunkt der Stunde gestellt, indem die fünf Folgekostenkategorien von Leipert erarbeitet werden. Auf das Konzept der umweltökonomischen Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes wird nicht näher eingegangen, da es im Rahmen des Kurssystems im Zusammenhang mit öffentlichem Berichtwesen an anderer Stelle aufgegriffen wird und zudem hier zu komplex ist. Weiterhin wird es aus Zeitgründen während dieser Unterrichtsstunde nicht möglich sein, die Umweltverschmutzung und ihre Wirkungen detailliert zu untersuchen. Zielentscheidungen (Unterrichtsziele) Groblernziel: Nach der Unterrichtsstunde können die Schüler begründen, dass das BIP kein umfassender Indikator für Wohlstand ist. Fachziele
Die Schüler sollen: Kritikfähigkeit im Umgang mit wirtschaftspolitischen Aussagen entwickeln. (A) die Relativität von statistischen Aussagen erkennen. (B) Methodische Entscheidungen Übersicht zur Verlaufsplanung
Im Mittelpunkt der Unterrichtsstunde steht die Fragestellung "Wie aussagefähig ist das BIP als Indikator für den Wohlstand der Bewohner eines Landes?" Anhand des Modells "Miniland" Führe ich die Schüler in die Problemstellung ein. Miniland ist ihnen bereits als Beispiel für eine Volkswirtschaft aus früheren Aufgabenstellungen bekannt. Hierzu verwende ich eine vorbereitete Collage, auf der zunächst Miniland als Agrarland mit Fluss, Wiesen und Bäumen aufgemalt ist. Ausgangspunkt der Erläuterungen ist die Aussage, dass alle wirtschaftlichen Leistungen Minilands in ein BIP einfließen. Die Naturlandschaft wird nun durch Industrialisierung ergänzt. Hierbei wird herausgearbeitet, welche Auswirkungen der industrielle Fortschritt auf das BIP und die Lebensqualität der Einwohner Minilands hat. Dabei steigt das BIP in Korrelation mit der Lebensqualität an. In dem Moment, indem die negativen Auswirkungen der Umweltverschmutzung, z.B. der Industrieabgase starke Wirkungen zeigen, sinkt die Lebensqualität der Einwohner und das BIP stagniert. Das Ergebnis wird ebenso wie die nun folgenden Ergebnisse dieser Phase an der Tafel festgehalten. Jetzt werden umweltverbessernde Maßnahmen, wie beispielsweise Rauchgasentschwefelungs- oder Kläranlagen, eingeführt, deren Kosten das BIP steigen lassen, während die Lebensqualität stagniert. Durch diese Maßnahmen wird der ursprüngliche Zustand der Umwelt Minilands (so weit wie möglich) wiederhergestellt. In diesem Zusammenhang wird der Begriff der kompensatorischen Kosten eingeführt. Am Beispiel des Modells "Miniland" wird so das BIP als Wohlstandsindikator in Frage gestellt. Alternativ hätte ich das Modell Miniland beispielsweise auch anhand einer Computersimulation entwickeln können. Hierzu fehlt jedoch einerseits die technische Ausstattung im Klassenraum, andererseits halte ich die Collage für stärker sinnlich erfahrbar und damit noch einprägsamer. Nachteil der Collage ist jedoch die fehlende schriftliche Dokumentation. Diese möchte ich dadurch ausgleichen, dass die Collage über mehrere Wochen im Klassenraum verbleibt. Phase 2 Phase 3 Zur Vorgehensweise im Unterricht Grundlagen der Unterrichtsvorbereitung Altmann, J.: Wirtschaftspolitik, 6. Auflage 1995, UTB 1317. Fischer, A.: Das Bruttosozialprodukt (Manuskript), o.J. Frank, W.: Volkswirtschaft - Lehre und Wirklichkeit, 63. Auflage, Darmstadt 1995. Hardes/Krol: Volkswirtschaftslehre - problemorientiert, 19., Auflage, Tübingen 1995. Hartmann G.: Volkswirtschaftliches Denken, 2. Auflage, Rinteln 1997. Leipert, C. Die volkswirtschaftlichen Kosten der Umweltbelastung. In: Aus Politik und Zeitgeschehen, Beilage zu "Das Parlament" 10/91 vom 01.03.1991. Wilke, F.: Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, Köln 1998. Diverse Zeitungsartikel (siehe Arbeitsblatt). Gabler Wirtschafts-Lexikon, Ausgabe 1993 (auf CD-ROM) Unterlagen von Lutz Heiligenstadt vom OSZ Handel I, Berlin (1979 – 1995). Unterrichtsentwürfe zur Kritik am BSP beziehungsweise BIP von Lutz Heiligenstadt 1979 und Andreas Grunert, Berlin 1995. |
||||||||||||||||||||||||||||