Fachseminare für Erdkunde (S):
Thema: Karikaturen im Erdkundeunterricht
Vgl. Katalog der
Ausbildungsinhalte 3.4.
Definition: Eine geographische Karikatur ist eine
übertreibende, plakativ vereinfachende, bildhafte Darstellung (z.T. mit
Textelementen) eines komplexen und problematischen geographischen
Sachverhalts mit einer kritischen Kernaussage (als wertender Behauptung).
Sie enthält einen Widerspruch zwischen "komischer", zum Lachen
anregender Oberflächenstruktur und ernster Tiefenstruktur, der zum Denken
und Nachfragen anregt. Ihre Interpretation (Erschließung) erfordert
relativ hohes Abstraktions- und Transfervermögen und Vorwissen.
Allgemeine Vorzüge von Karikaturen:
- Plakativität: komplexe Zusammenhänge werden auf ein
(exemplarisches) Kernproblem reduziert: ermöglicht zielgerichteten,
Wichtiges akzentuierenden Unterricht
- Anschaulichkeit:
fördert das Problemverständnis (vor allem
Veranschaulichung politischer, struktureller, menschlicher Probleme);
über bildhafte Darstellung werden komplexe Zusammenhänge "auf den
Begriff" gebracht
- Witz, Ironie, Polemik, Spott
(selten Humor): regen zum Lachen an,
provozieren Nachdenken und Widerspruch (fördern die Motivation zur
Mitarbeit); geeignet zur Schulung kontroversen Denkens und der
Kritikfähigkeit; gewohnte Sehweisen werden in Frage gestellt; begünstigt
problemorientierten Unterricht
- Aktualität:
erhöht die Motivation; Erdkundeunterricht ist stark
auf die Behandlung aktueller Probleme ausgerichtet; Erfahrungswelt der
Schüler wird angesprochen, die stark durch Medien geprägt wird (dort
finden auch häufig Karikaturen Verwendung)
- Wertende Aussage:
berücksichtigt die affektive Dimension des
Unterrichts
Probleme und Grenzen des Karikatureinsatzes:
- oft zu hoher Abstraktionsgrad (Schüler damit z.T.
überfordert)
- Mittel parteilicher Kritik; Vorwegnahme von Urteil,
Hintergrundwissen fehlt (Überzeichnung, einseitige Sichtweise): Gefahr
der Verfestigung von Vorurteilen und Klischeevorstellungen; Trend zu
einfachen Erklärungsmustern, zu Schwarz-Weiß-Malerei kann verstärkt
werden
- z.T. verletzende, satirische bis makabre Darstellung
(bis zu demagogisch, rassistisch, inhuman): belastet Schüler affektiv,
kann kontraproduktiv für "Werteerziehung" sein
- selten raumbezogen angelegt (selten plastische Präsentation
räumlicher Gegebenheiten, wenig räumliche Bildelemente, wenig
Berücksichtigung von Geofaktoren): daher mit spezifisch geografischen
Fertigkeiten schwer zu entschlüsseln, erschwert Übergang zu spezifisch
geografischen Fragestellungen
Konsequenzen:
- erst einsetzen, wenn die Schüler "reif" dafür sind; eher
in der Sek. II als in der Sek. I (nicht vor Klasse 7/8)
- altersangemessene
Karikaturen wählen (Vorkenntnisse
berücksichtigen) und gute Erschließungsimpulse planen
- systematische Erschließung
einüben (formale und inhaltliche
Analyse wie bei Bildbeschreibung: Erfassen wichtiger Bild- und
Textelemente, Symbolverständnis, Erfassen der Kernaussage bei Klärung
des Widerspruchs zwischen Oberflächen- und Tiefenstruktur, Kritik)
- emotionale Dimension
ernst nehmen (Bezüge zur Lebenssituation
der Schüler ermöglichen)
- destruktive Kritik muss konstruktiv gewendet werden;
Gelegenheit zu eigener Stellungnahme geben, aber Stellungnahme sollte
sich nicht in bloßer Zustimmung oder Ablehnung erschöpfen
- Inhalt
(Aussagen) und Bewertungsgrundlagen eingehend
reflektieren, evtl. selbst zum Gegenstand der Kritik machen (evtl.
Karikaturen mit gegensätzlicher Aussage kombinieren); zur Ausbildung
differenzierten Urteilsvermögens nutzen
- "dosiert" einsetzen (billige Effekthascherei und
"Überfütterung" vermeiden)
- im Verbund mit anderen Medien einsetzen, um die
"Defizite" der Karikatur auszugleichen
Didaktischer Ort:
besonders in "Einstiegen" zur Motivation und
zur Entwicklung leitender Fragestellungen, aber auch in anderen Phasen
(zur Zwischenmotivation, zum in-Frage-Stellen von bisher Erarbeitetem und
Aufwerfen neuer Fragen, zum kritisch prüfenden Rückblick und zur
Festigung von Ergebnissen)
Themenbereiche:
raumbezogene Konflikte und räumliche Disparitäten
(regional, national, international, global); oft zur
Entwicklungsländerproblematik, zu Raumnutzungskonflikten unter besonderer
Berücksichtigung von Umweltbelastung sowie sozioökonomischen
Auswirkungen von Raum-, Regional- und Stadtplanung etc.
Bedeutung im Rahmen der Entwicklung der Schulerdkunde:
- gering im länder- und landschaftskundlichen Erdkundeunterricht
(geordnete Ausstattungsgeographie, nur partiell auf Verständnis
geographischer Zusammenhänge ausgerichtet, selten Problemanalysen)
verstärkt im Rahmen des thematischen, "zielorientierten"
Unterrichts (ab den 1970er Jahren), in dem u.a. die Sozialgeographie
an Bedeutung gewann (stärker analytisch und prognostisch ausgerichtet)
häufig in der speziellen Variante des problemorientierten
Erdkundeunterrichts (auf Erschließung und Verständnis von
Wirkungsgefügen ausgerichtet), der auch stark die politische Bildung der
Schüler zu fördern versucht
(Stand: 02/02; inhaltliche
Verantwortung: Gisela Zimmermann)
betreut durch: Johann Penon
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