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Immanuel Kant
Der kategorische Imperativ
1.0 Einführung
Immanuel KANTs Kategorischer
Imperativ" wird im pädagogischen Schrifttum immer wieder erwähnt - so auch auf
den Webseiten Ist Erziehung sittlich
erlaubt" und Immanuel KANT - Die pädagogische Theorie". Auch der
öffentliche Diskurs beruft sich immer wieder - oft geradezu beschwörend - auf den
Kategorischen Imperativ. Deshalb scheint es nützlich, ihn hier in einer Form
vorzustellen, die ein vertieftes Verständnis möglich macht.
1.1 Die Begriffe
Das Wort kategorisch"
ist aus dem Griechischen abgeleitet. Es bezeichnet eine nicht an Bedingungen geknüpfte,
bestimmte und darum keinen Widerspruch duldende Aussagen und Gebote.
In der philosophischen Ethik werden zwei
Arten sittlicher Gebote - Imperative - unterschieden. KANT selbst beschreibt sie wie folgt
(GMS 43):
Alle Imperativen (sic) gebieten
entweder hypothetisch, oder kategorisch.
Jene stellen die stellen die praktische Notwendigkeit einer möglichen Handlung als Mittel
zu etwas anderem, was man will [...] zu gelangen, vor .
Der kategorische Imperativ würde der sein, welcher eine Handlung als für sich selbst,
ohne Beziehung auf einen anderen Zweck, als objektiv-notwendig vorstellte.
[...]
Wenn nun die Handlung [...] bloß als Mittel gut sein würde, so ist der Imperativ hypothetisch.
Wird sie als an sich gut vorgestellt, mithin als notwendig in einem an sich der
Vernunft gemäßen Willen, als Prinzip desselben, so ist er kategorisch."
Der hypothetische Imperativ
gebietet also eine Handlung unter bestimmten Bedingungen. Der kategorische
Imperativ hingegen gebietet sie ohne Bedingungen, also
bedingungs-los", unbedingt".
1.2 Die Textgrundlage
KANT behandelt den Kategorischen
Imperativ in seinem Werk Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" (Riga
1786, 2. Auflage, zitiert als GMS). Er gliedert es in drei Abschnitte:
1. Übergang von der gemeinen sittlichen
Vernunfterkenntnis zur philosophischen.
2. Übergang von der populären Moralphilosophie zur Metaphysik der Sitten.
3. Letzter Schritt von der Metaphysik der Sitten zur Kritik der einen praktischen
Vernunft.
Er formuliert ihn im zweiten Abschnitt.
In seinem Werk Kritik der praktischen Vernunft" (Riga 1788, zitiert als
KPV) greift er ihn wieder auf und bringt ihn in seine abschließende Form).
2.0 Der kategorische Imperativ
Meist wird der Kategorische Imperativ
erwähnt, als sei er eine in sich geschlossene Formel. In Wirklichkeit untersucht und
entwickelt ihn KANT schrittweise in immer neuen Formulierungsansätzen (GMS 49 ff.). Der
gedankliche Zusammenhang kann hier nicht im Einzelnen nachvollzogen werden, doch seine
wenigstens die einzelnen Schritt vorgestellt.
- Grundform:
Der kategorische Imperativ ist ... nur ein einzelner:
Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein
allgemeines Gesetz werde." (GMS 51)
- Formale Vorstellungsart:
Der allgemeine Imperativ der Pflicht könnte auch so lauten:
Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen
Naturgesetze werden sollte." (GMS 51)
- Allgemeine Vorstellungsart:
Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines
jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst." (GMS
61))
- Vorstellungsart der vollständigen
Bestimmung der Maximen:
Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetze machen
kann." (GMS 70)
Handle nach Maximen, die sich selbst zugleich als allgemeine Naturgesetze zum
Gegenstand haben können." (GMS 71)
KANT hat wenig später alle diese
Formulierungsansätze als Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft"
zusammengefasst:
Handle so, daß die Maxime
deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip
einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." (KPV I, 1, § 7, S. 140)
Hans REINER (1974 S. 19) betont die
Strenge dieses Imperatives:
Denn es wird ... von mir verlangt,
dass ich jede Handlung unterlasse, von der ich nicht wollen kann, dass nach dem in ihr
enthaltenen Grundsatz (Maxime) alle handeln."
Als Leitlinie für die Handlungen des
täglichen Lebens mag all das zu philosophisch" sein. Dennoch ist
einsichtig: Der Kategorische Imperativ verbietet jedes Handeln, von dem man nicht wollen
kann, dass nach dem gleichen Prinzip alle handeln. Mithin gibt es eine gibt es eine
schlichte Fassung, die sich jederzeit bei Entscheidungen ins Bewusstsein rufen lässt:
Stell dir vor,
alle wollten so handeln wie du jetzt -
wären die Folgen erträglich?"
3.0 Eine zeitgenössische
Würdigung
Womöglich wird KANTs Position lediglich
historisch gesehen, so dass ihre Bedeutung für unsere Zeit und für erzieherisches
Handeln sich dem Leser nicht erschließt. Deshalb sei hier die Passage zitiert, in der Jürgen
HABERMAS jüngst in seiner Dankesrede den kategorischen Imperativ gewürdigt hat.
Deshalb wollte Kant das
kategorische Sollen nicht im Sog des aufgeklärten Selbstinteresses verschwinden lassen.
Er hat die Willkürfreiheit zur Autonomie erweitert und damit - nach der Metaphysik - das
erste große Beispiel für eine säkularisierende und zugleich rettende Dekonstruktion von
Glaubenswahrheiten gegeben.
Bei Kant findet die Autorität göttlicher Gebote in der unbedingten Geltung moralischer
Pflichten ein unüberhörbares Echo. Mit seinem Begriff der Autonomie zerstört er zwar
die traditionelle Vorstellung der Gotteskindschaft. Aber den banalen Folgen einer
Deflationierung kommt er durch eine kritische Anverwandlung des religiösen Inhalts
zuvor."
4.0 Literaturnachweis
4.1 Vertiefungen
Natürlich gibt es eine umfangreiche
Literatur. Hier muss der Hinweis auf Hans REINER genügen.
Er würdigt Wert und Gewicht des hier behandelten Themas (1961, S. 122 f. und 197).
4.2 Literatur
- Immanuel KANT
Werke in sechs Bänden
Herausgegeben von Wilhelm WEISCHEDEL
Band IV
Schriften zur Ethik und Religionsphilosophie
Darmstadt 1983
- Otfried HÖFFE
Immanuel Kant
München 2000, 5., überarbeitete Auflage
- Hans REINER
Pflicht und Neigung
Die Grundlagen der Sittlichkeit erörtert und neu bestimmt
mit besonderem Bezug auf Kant und Schiller
Heidelberg 1951
- ders.
Die philosophische Ethik
Ihre Fragen und Lehren in Geschichte und Gegenwart
Heidelberg 1964
- ders.
Die Grundlagen der Sittlichkeit
Zweite, durchgesehene und stark erweiterte Auflage
von Pflicht und Neigung
Meisenheim am Glan 1974
Die Literaturgrundlage
für das Thema Werte-Erziehung finden sie hier:
Literaturgrundlage
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Ausgearbeitet von: Dr. Manfred Rosenbach -
letzte Änderung am: 16.04.05
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