Phonetische Übungen

 

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Christian Meyer

 

Immer wieder stehen wir Lehrer vor Schülertexten, von einem im Deutschen sehr schwachen türkischen Schüler einer 7. Klasse (nach einer Unterrichtssequenz über den Advent, Nikolaus und Weihnachten):

 

An dem Text fallen besonders die vielen lautlichen Interferenzen des Türkischen ins Deutsche auf:

 

Was können phonetische Übungen zur Bearbeitung solcher Schwierigkeiten beitragen ?

 

Bei der phonetischen Ebene des Sprachunterrichtes geht es um die modellkonforme Aussprache von Wörtern und Sätzen, die Kenntnis der Ausspracheregeln, das Hörverständnis etc.

Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Apperzeptions- und die Erzeugungsfähigkeit bestimmter Laute eng korrelieren: ".... was man nicht oder nicht genau hört, kann man nicht oder nur schwer aussprechen, und vice versa" (Althaus, S. 458, a.a.O.).

 

Lange Jahre wurden – wie Stefan Otto betont – in den Bereichen DaZ und DaF phonetische Übungen vernachlässigt, oft galten sie wegen ihrer hohen Redundanz als überflüssig . "Eine ‚schöne’ Aussprache sei ein zwar wünschenswertes ‚Sahnehäubchen’, gehöre aber nicht zu den vorrangigen Zielen" (vgl. Otto, S. 1, a.a.O.).

Eine solche Einschätzung phonetischer Übungen ist problematisch, da eine fehlerhafte Aussprache .....

 

Darüber hinaus belegen Untersuchungen, dass Gesprächspartner bei relativ korrekter Aussprache eher bereit sind, grammatische oder lexikalische Regelverstöße zu akzeptieren (vgl. Herbst, S. 6, a.a.O.).

 

Einige der phonetischen Probleme sind:

 

Leerstellen im Lautsystem der Erstsprache:

Sprachen nutzen keineswegs alle prinzipiellen Möglichen der menschlichen Artikulationsfähigkeiten. So kommt es oft vor, dass die genutzten Laute zwischen L1 und L2 nicht voll übereinstimmen, was zu zum Teil enormen phonetischen Problemen beim Erlernen von L2 führen kann.

Charakteristisch dafür ist z.B. der r- Laut, der in vielen ostasiatischen Sprachen nicht vorkommt und deshalb mit erheblichen Apperzeptions- und Erzeugungsschwierigkeiten bei Ostasiaten verbunden ist.

Ähnliches gilt für französische oder russische Erstsprachler hinsichtlich des Hauchlautes h im Deutschen, hinsichtlich der deutschen Diphtonge oder Umlaute für viele Herkunftssprachen oder der spanische ch – Laut in "Juan" oder "Gerona".

Extreme phonetische Probleme würden allen Europäern z.B. das Erlernen der Sprache der !Ko – Buschmänner in Botswana machen, deren Sprache reich an Klicklauten ist. Anthropologen unterscheiden bei ihnen 5 verschiedene Klicklaute:

* "!", der "Retroflex- oder Sektkorkenklick" wird ausgesprochen, indem man die Zungenoberfläche vom Gaumendach wegreißt: dabei entsteht ein oft harter Knall.

* " ", der "Kussklick": dabei saugt man mit gespitzten Lippen Luft ein, ".... als küsse man auf Distanz. Wir locken so kleine Tiere" (Eibl – Eibesfeldt, S. 24, a.a.O.).

* "/", der "Dentalklick" entsteht, wenn man die Zungenspitze rasch von der Innenseite der Schneidezähne wegzieht. Bei indigniertem Erstaunen produzieren wir zuweilen einen derartigen Klicklaut.

* "//", der "Lateralklick" entsteht, wenn man die Zunge von den Seiten der Zahnreihe wegzieht; in Deutschland werden mit diesem Klicklaut zuweilen Pferde ermuntert.

* "", der "Alveolarklick" entsteht, wenn ".... man die Zungenspitze scharf von einem Punkt gerade hinter den oberen Schneidezähnen wegzieht" (Eibl – Eibesfeldt, S. 25, a.a.O.).

Eine typische Leerstelle im Deutschen sind die Tonhöhen (oder besser die Tonführung), wie sie zum Beispiel im Chinesischen (vier Tonhöhen) oder im Vietnamesischen (sechs Tonhöhen) eine zentrale Rolle spielen. "ma" kann im Vietnamesischen je nach Tonführung ganz unterschiedliche Bedeutungen haben: "ma" = der Teufel, "mã " = das Pferd", "má" = die Wange", "mà" = "damit, um ...zu", "mă" = das Grab und "ma" = die junge Reispflanze.

Im Chinesischen werden solche für uns so ähnliche Wörter mit ganz unterschiedlichen Schriftzeichen wiedergegeben.

 

Unterschiede im Silbenbau zwischen L1 und L2

In einigen Sprachen bestehen die Silben nahezu regelmäßig aus einer Abfolge von Konsonant – Vokal oder Vokal – Konsonant.

Für Erstsprachler aus einer solchen Sprache (wie z.B. dem Türkischen) bilden Sprachen mit Konsonantenhäufungen (wie im Deutschen oder Polnischen) besondere Probleme.

Im Deutschen wäre das Wort "schimpfst" dafür ein typisches Beispiel, im Polnischen der Städtenamen "Zabrze" (von "zadborze", dt. "hinter dem Wald").

Oft wird auf die Konsonantenhäufung mit einem falschen Syllabieren, dem Bilden von Sprossvokalen reagiert (aus z.B. "Film" wird dann "Filim") .

 

Unterschiede in der Lautnachbarschaft zwischen L1 und L2

 

Bestimmte Lautkombinationen existieren in verschiedenen Sprachen nicht oder nur selten.

So zum Beispiel im Deutschen die Kombination von "tk", wie im Russischen “Ткань” (tkan = Stoff) oder “Ткач” (tkatsch = Weber), oder "gd”, wie im Russischen “где” (gde = wo).

Im Deutschen existiert die Lautkombination "ps" nur in (aus dem Griechischen stammenden) Fremdwörtern. Im Griechischen hingegen gibt es für diese Lautkombination sogar einen speziellen Buchstaben, das "Ψ", den dreiundzwanzigsten Buchstaben des griechischen Alphabets.

Ähnliches gilt für die Lautkombination "sk", die im Deutschen nur in Fremdwörtern unterschiedlicher Provenienz (lateinische, griechische, nordische, englische, italienische) auftritt.

 

Von den verschiedenen möglichen phonetischen Übungsarten (Überblick darüber z.B. bei Otto a.a.O.) sollen hier Lautunterscheidungsübungen dargestellt werden. Sie haben allerdings ihre Grenzen, Vorrang sollten ganzheitliche Übungsformen (Reime, Sprichwörter, Zungenbrecher etc.) haben, da nur sie die rhythmisch – melodischen Fähigkeiten trainieren .

Lautunterscheidungstests (oder Lautdiskriminierungstests) dienen dazu festzustellen, welche Laute bzw. Lautkombinationen die jeweiligen "Probanden" unterscheiden können und welche nicht.

Mit meinen Schülern (im Förderkurs einer 7. Klasse einer Kreuzberger Gesamtschule) führte ich den Test zweimal durch, als Vor- und Nachtest. Dies hatte den Vorteil, den Schülern rasch ihren eigenen Lernzuwachs deutlich machen zu können, denn die Ergebnisse verbesserten sich beim Nachtest klar. Die Zahl der Fehlerpunkte reduzierte sich um bis zu einem Drittel.

Durchgeführt wurde der Test (eigentlich ein zu hochgestochener Begriff) wie folgt: von den jeweils drei Begriffen bei "1.) höre; Ehre; ihre" wurde vom Lehrer nur einer zusammen mit der Nummer vorgelesen. Die Schüler unterstrichen dann das Wort, das der Lehrer ihrer Lautunterscheidung nach vorgelesen hatte.

Nach dem ungeübten Vortest wurden die einzelnen Wort – Tripel systematisch geübt, vorgesprochen und von den Schülern nachgesprochen, erneut korrigiert etc. Als günstig hat sich in dieser Phase die Übung im Sprachlabor erwiesen.

Am Ende jeder Übungsphase erfolgten bereits wieder kürzere Unterscheidungstests mit den zuvor geübten Tripeln.

Zu Abwechslung wurden dazu Zungenbrecher geübt, was Schülern dieser Altersstufe oft Spaß macht.

Folgende Lautunterscheidungsprobleme traten im Test ......

..... besonders häufig bei türkischen Schülern auf:

..... besonders häufig bei ostasiatischen Schülern auf:

 

Zur gesonderten Übung der Unterscheidung von "s – ss – z" wurde der AB "Phonetische Übungen II" eingesetzt.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass natürlich eine Verbesserung bei den Ergebnissen in einem Lautunterscheidungstest nicht etwa zwingend ähnlich deutliche phonetische Verbesserungen im Kontext realer Kommunikationssituationen nach sich zieht.

 

 

 

L i t e r a t u r :

 

Hans Peter Althaus et al. (Hrsg.): "Lexikon der Germanistischen Linguistik", Studienausga-

be in 3 Bdn. , Niemeyer Verlag, Tübingen 1975

Irenäus Eibl – Eibesfeldt: "Die !Ko – Buschmann – Gesellschaft", Piper, München 1972

H. Göbel u.a.: "Ausspracheschulung Deutsch . Phonetikkurs", Inter Nationes, Bonn, 1985

Th. Herbst: "Pro – Nunciation: Zur Bedeutung einer guten Aussprache in der Fremdspra-

che", in: "Die Neueren Sprachen", 91/1992

Stefan Heym: "Radek", Fischer, Frankfurt am Main, 1999

Stefan Otto: "Zur Spracharbeit an der Staatlichen Europa – Schule Berlin – Zur Ausspracheschulung im partnersprachlichen Unterricht", BIL, Berlin, Mai 1999

Maria Schubiger: Einführung in die Phonetik", Sammlung Göschen Bd. 1217/1217b, Walter de Gruyter, Berlin 1970

 

 

 

 

 

 

Name: Datum:

Lautunterscheidungstest

 

Unterstreiche bitte immer nur das der drei Wörter, das vorgelesen wurde!

 

1. höre Ehre ihre

36. weit Bett fett

2. Bein Wein fein

37. schone schöne Söhne

3. spannen Spangen sparen

38. sollte sollte Sorte

4. kreischen kreisen greifen

39. Flüche fliehe fluche

5. Flucht Flug flog

40. versöhnen verschönen verzehren

6. Mächte mochte möchte

41. Pfanne Fahnen fangen

7. stützen stottern stutzen

42. Tür Tier Teer

8. Liege Lüge lege

43. Katze Garde Kate

9. halt kalt galt

44. Räume Reine ranne

10. Märchen Männchen Menschen

45. jenem Chinin Schienen

11. Reize leise Reise

46. Bier wir vier

12. Bote Beete böte

47. werter Wärter Winter

13. chartern Karten Garten

48. Flug zog Sog

14. rochen Rechen röchen

49. fand Band Wand

15. singen sinken singend

50. begegnen beginnen begingen

16. Rektor Rektus Lektor

51. trug trügen trüben

17. vier wer wir

52. Möhren mehren mögen

18. Gerennen gewönne gerönne

53. Leute leide Laute

19. frei freu froh

54. Ellen hellen Herren

20. alt hart halt

55. buken Bogen bocken

21. zeihen Schein sein

56. Zicke Sichel Ziege

22. würzen Wirtin wurzeln

57. krochen kröchen Krücken

23. sieht Zeit seit

58. Reben lieben leben

24. konnte könnte kennte

59. können kennen kammen

25. dringen trinken drinnen

60. flitzen Fliesen fließen

26. hier er ihr

61. der Tür dir

27. gern Köln Kern

62. Gothen Güte guten

28. Preis Fleiß Fleisch

63. Bahren Waren fahren

29. Kirche Küche Kirsche

64. Datteln Taten Daten

30. früher Flur Flor

65. Föhr vier für

31. Wedel Wetter weder

66. gelber kalter Gelder

32. Reise reiße Reize

67. wisse Witze Wiese

33. lösen lesen lügen

68. Züge Ziege siege

34. Nauen neun nein

69. fände Wände Bände

35. China Jena Schiene

70. wischen wissen Wiesen

 

Fehlerpunkte:

 

Name: Datum:

 

Phonetische Übungen II

 

Zur Unterscheidung von s - ss - z

 

sie reißen - die Reisen, sie reisen

heißer Tee - er ist heiser

die weiße Wand - der weise Mensch

die Muße - die Muse

die Buße - der Busen

ich ließe - der Name Liese

ich fließe - die Fliese

ich fräße - ich fräse

sie äßen - sie äsen

im Fraße - die Phrase

sie vergaßen - sie vergasen

sie aßen - die Asen

die Stadt Meißen - die Meisen

gleiße - die Gleise

ein weißer Fleck - ein Weiser

ich reiße - ich reise

ich kreiße - ich kreise

die Geißel - die Geisel

sie vermissen - sie vermischen

sie hassen - sie haschen

Friß! - es ist frisch

die Massen - die Maschen - die Masern

die List - er lischt

Ost und West - er wäscht

die Busse - im Busche - der Busen

wir essen - die Eschen - sie äsen

die Fässer - ein fescher Bub!

der Schuß - der Schutz

sie reißen - sie reizen - sie reisen

der Reis - der Reiz

die Tatze - die Tasche - die Tasse

die weißen Anzüge - der Weizen

die Kasse - die Katze

der Schweiß - das Land Schweiz

er müsse - die Mütze

er heißt - er heizt

er verläßt - er ist verletzt

er wisse - die Witze - die Wiese

der Saal - die Zahl - der Schall

sie sehen - die Zehen - schön

sie sagen - sie zagen

seit langem - die Zeit

so ist es richtig - der Zoo

der Sinn - der Zinn

sie reisen - sie reizen

er ist sauber - der Zauber

er soll - der Zoll

sie siegen - die Ziegen

 

Eine reizende Reise, sagte der Chinese, und holte aus der Tasche eine Tasse voll Reis.

 

An der Tatze verletzt verläßt die Katze das Körbchen.

 

Zungenbrecher

Zungenbrecher sind Sprüche, die man schnell aufsagen soll, ohne sich zu versprechen. Die Besonderheit liegt bei ihnen darin, daß sich schwierige Laute häufen oder abwechseln.

So zum Beispiel:

"Die Katze tritt die Treppe krumm."

 

"Fischers Fritze fischt frische Fische - frische Fische fischt Fischers Fritz!"

 

 

 

 

 

Lautdiskriminierungstest 2

 

 

Linnen; rinnen; rennen;

brennen; drinnen; dringen;

kühl; Kohl; Kohle;

schiele; Schiller; Schelle;

Schelle; Zelle; Säle;

Quelle; quäle; quere;